Der Reaktorunfall von Tschnernobyl


Zurück zu unserer Frage nach der Bedeutung der im Unglück von Tschernobyl emittierten radioaktiven Stoffe. Hier sind nur drei Isotope von Bedeutung, nämlich J-131, Cs-137 und Sr-90. Iod und Caesium sind b-und g-Strahler, Strontium ist nur ein b-Strahler. Der größte Beitrag für ein gesundheitliches Risiko geht vom Iod-131 aus, das in starkem Maß in der Schilddrüse angesammelt wird. Caesium ist in seinem chemischen Verhalten dem Kalium sehr ähnlich und kommt - wie Kalium - in allen Körperzellen vor. Dagegen besteht eine enge Verwandtschaft zwischen Strontium und Calcium, so daß Strontium bevorzugt in die Knochen eingelagert wird. Dort fuhrt es zu einer erhöhten Strahlenbelastung des Knochenmarks.

Sofort nach dem Tschernobyl-Unglück wurden an allen Stellen in Europa fieberhaft Meßprogramme durchgeführt, um Art und Menge der radioaktiven Materialien bestimmen zu können, die nach dem Unglück mit dem Wind in den näheren und weiteren Umkreis transportiert wurden.

Abbildung 54 zeigt die Ausbreitung der radioaktiven Wolke in der Zeit vom 29.4. bis 4.5. 1986.

Abb. 54: Ausbreitung der radioaktiven Wolke vom 29.4. bis 3.5.1986 nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl (Starttermin 29.4.1986, 12.00 UTC)

Die höchsten Werte der b-Aktivität wurden im Bayrischen Wald und im Raum München gemessen. Durch die am Boden abgelagerten Stoffe erhöhte sich kurzzeitig die Bodenstrahlung in Süddeutschland auf bis ein Zehnfaches des Normalwertes, in Norddeutschland wurde nur ein Anstieg bis auf das Doppelte beobachtet.

In Abbildung 55 ist die Gesamt-b-Aktivität der Niederschläge im Zeitraum von 1960 bis 1994 aufgezeichnet, in Abbildung 56 ist die Caesium-Aktivitätskonzentration im Wasser der Ostsee dargestellt.

Abb. 55: Jahresmittelwerte der Gesamt-b-Aktivität der Niederschläge (Abbildung zitiert aus: Bundesamt für Strahlenschutz)

Abb. 56: Cs-137-Konzentration im Wasser der Deutschen Bucht (Abbildung zitiert aus: Bundesamt für Strahlenschutz)

Abbildung 55 zeigt, daß nach dem Reaktorunglück die Werte für die b-Aktivität noch nicht einmal die Werte der Jahre 1962 und 1963 erreichten, wo durch oberirdische Kernwaffenversuche weltweit eine erhebliche Verbreitung von strahlender Materie erfolgte. Dies findet seine Entsprechung in der hohen Caesium-Aktivität in der Nahrung (vgl. Abb. 57).

Abbildung 57 zeigt den Gang der Caesium-Aktivtität in der Gesamtnahrung zwischen 1960 und 1993 (angegeben in Bq/d.p. Becquerel pro Tag und Person), Abbildung 58 gibt den Gang der Konzentration von Iod-131 in Milch aus Schleswig-Holstein wieder.

Abb. 57: Jahresmittelwerte der Cs-134-, Cs-137- und Sr-90-Aktivität in der Gesamtnahrung (Abbildung zitiert aus: Bundesamt für Strahlenschutz)

Monatsmittelwerte der Cs-137 und Cs-134 Aktivität in der Gesamtnahrung

Abb. 58: Konzentration von Jod-131 in Milch

Abb. 58a: Jahresmittelwerte der Sr-90- und Cs-137-Konzentrationen in Rohmilch, Bundesgebiet (Abbildung zitiert aus: Bundesamt für Strahlenschutz)

Welche Bedeutung kommt diesen Meßwerten zu?

Das Iodisotop mit einer Halbwertszeit von 8 Tagen führte nur zu einer kurzzeitigen Belastung. Es bestimmte allerdings in den ersten Tagen nach dem Unfall wesentlich die Höhe der Belastung, insbesondere bei Kindern, die im Freien spielten. Nach der Aufnahme in den Körper reichert sich Iod in der Schilddrüse an und führt dort zu hohen Organbelastungen - mit möglichen Folgeschäden. Zur Verhinderung dieser Anreicherung können vorsorglich für einige Wochen Iod-Tabletten verabreicht werden. In diesem Fall wird das in den Tabletten enthaltene Iod in die Schilddrüse eingelagert, nicht das unerwünschte radioaktive Isotop.

Von den beiden anderen Isotopen ist für Mitteleuropa nur das Caesium von Bedeutung: Das schwerer flüchtige Strontium ist nur in relativ geringem Umfang aus dem Reaktor entwichen oder hat sich früher niedergeschlagen. In Milch und Blattgemüsen wurden Caesium-137-Konzentrationen bis zu 300 Bq/kg und im Fleisch von Wild bis zu 1500 Bq/kg festgestellt. Für die langfristige Strahlenexposition ist die Aufnahme der Radionuklide durch die Wurzeln der Pflanzen von Bedeutung - sie ist um Größenordnungen geringer als die durch direkte Kontamination der Oberfläche hervorgerufene Aktivität.

Wie ist es zu erklären, daß der Höhepunkt der Caesium-Aktivität in der Nahrung nicht unmittelbar nach dem Unglück in Tschernobyl im Mai oder Juni 1986 auftrat, sondern erst im Frühjahr 1987 (vgl. Abb. 57)? Der Grund hierfür ist im Umstand zu suchen, daß 1986 noch ein hoher Teil von vor dem Unglück produzierter, unkontaminierter Nahrung zur Verfügung stand. Dagegen stammte 1987 die Nahrung überwiegend aus der Zeit nach dem Unglück - daher die hohe Belastung dieser Nahrung.

Abbildung 57 weist erwartungsgemäß für 1988 bereits wieder deutlich niedrigere Werte aus.

Wie ist die zugeführte Aktivität zu bewerten? Aus den oben geschilderten Gründen muß hier nur das Caesium betrachtet werden. Für Erwachsene wurden für Caesium Jahresmittelwerte berechnet, die nach Multiplikation mit den Dosisfaktoren die folgenden Äquivalentdosen ergaben:

Die zuletzt festgestellten Dosiswerte von ca. 0,010 mSv sind als unbedenklich anzusehen. Schon allein durch Radionuklide wie etwa Kalium-40 oder Kohlenstoff-14, die natürliche Bestandteile der Nahrung sind, ergibt sich eine Strahlendosis von etwa 0,380 mSv/Jahr. Die durch das Reaktorunglück von Tschernobyl verursachte zusätzliche Strahlenbelastung in der Nahrung beträgt nur etwa 3% der natürlichen Belastung - sie ist daher kaum von einer gesundheitlichen Bedeutung.

Es muß an dieser Stelle nochmals betont werden, daß es - nach dem heutigen Stand der Kenntnisse - keinen Schwellenwert gibt, unter dem Strahlung mit absoluter Sicherheit völlig unschädlich ist. Auch eine niedrige Strahlendosis kann der Auslöser für eine Erkrankung sein. Doch ist die Wahrscheinlichkeit hierfür sehr gering. Es ist daher sinnvoll, Röntgenaufnahmen zuzustimmen, wenn dies aus diagnostischen Gründen erforderlich ist - auch wenn dadurch ein gewisses, aber sehr kleines, Strahlenrisiko gegeben ist. Es ist aber auch sinnvoll, die Anzahl der Röntgenaufnahmen auf die wirklich notwendige Zahl zu beschränken. Entsprechendes gilt für das Verhalten hinsichtlich der Belastung durch radioaktive Stoffe in der Umwelt: Die heute angebotenen Nahrungsmittel können völlig unbedenklich gegessen werden - die Auswirkungen des Reaktorunglücks von Tschernobyl auf die Nahrungsmittel sind heute als vernachlässigbar gering einzuschätzen. Es muß das Ziel sein, diesen niedrigen Stand der Belastung auf Dauer sicherzustellen: Ein Anstieg der b-Aktivität durch oberirdische Kernwaffenversuche etwa auf die Werte der Jahre 1962 und 1963 müßte auf alle Fälle verhindert werden.

In der letzten Zeit werden in den Medien zwei weitere Quellen für Strahlenrisiken lebhaft diskutiert: "Radon in Häusern" und "bestrahlte Nahrungsmittel" - auf diese beiden Themen soll im folgenden kurz eingegangen werden.